Rückruf beim Hund trainieren: Die Anleitung, die wirklich funktioniert
Es ist der Albtraum jedes Hundehalters: Du bist auf dem Feld, dein Hund sieht einen Hasen oder einen anderen Hund, du rufst „Hier!“ – und dein Hund rennt einfach weiter. Deine Rufe verhallen ungehört, während dein Puls rast.
Der Rückruf ist nicht nur irgendein Trick. Er ist die Lebensversicherung deines Hundes. Ein Hund, der sicher abrufbar ist, genießt die größte Freiheit: Er darf ohne Leine laufen, toben und schnüffeln. Ein Hund, der nicht hört, muss an der Leine bleiben.
In diesem ausführlichen Guide lernst du, wie du einen „Super-Rückruf“ aufbaust, der selbst unter Ablenkung funktioniert – und warum dein Hund dich bisher vielleicht ignoriert hat.
Warum der Rückruf so oft scheitert (Die Psychologie dahinter)
Bevor wir trainieren, müssen wir verstehen, warum Hunde nicht kommen. Hunde sind Egoisten (im positiven Sinne). Sie tun das, was sich für sie am meisten lohnt.
Wenn dein Hund schnüffelt oder spielt, schüttet sein Gehirn Glückshormone aus. Wenn du ihn jetzt rufst, stellst du ihn vor eine Wahl:
- Option A: Weiterhin Spaß haben (Hase jagen, schnüffeln).
- Option B: Zu dir kommen, angeleint werden und nach Hause gehen (Spaß vorbei).
Warum sollte er Option B wählen? Dein Job ist es, Option B zur besseren Party zu machen. Der Rückruf muss das Versprechen auf etwas Großartiges sein, nicht das Ende des Spaßes.
Vorbereitung: Das richtige Signal wählen
Bevor du startest, entscheide dich für ein Signal.
- Das Wort: Meistens „Hier“ oder „Komm“. Wichtig: Nutze es nur für den Rückruf. Wenn du „Komm“ auch sagst, wenn er nur mit auf das Sofa soll, „wässerst“ du das Kommando.
- Die Hundepfeife: Ein Geheimtipp vieler Profis. Eine Pfeife klingt immer gleich (keine Wut in der Stimme) und trägt weit. Besonders für Jagdhunde oder Windhunde ist der „Doppelte Rückruf“ (Pfeife für den Notfall, Wort für den Alltag) genial.
Schritt-für-Schritt-Anleitung: Den Rückruf neu aufbauen
Wir tun so, als hätte dein Hund das Wort noch nie gehört. Wir laden es neu auf.
Stufe 1: Die Konditionierung (Ohne Ablenkung)
Starte im langweiligsten Raum der Welt: Deinem Wohnzimmer.
- Nimm das absolut beste Futter (Käse, Leberwursttube, Katzenfutter). Kein Trockenfutter!
- Warte, bis der Hund gerade nichts tut.
- Sage dein Wort: „HIER!“ (fröhlich!).
- In der Sekunde, in der er dich ansieht: Party! Gib ihm den Käse.
- Wiederhole das 10-20 Mal am Tag für 3 Tage.
- Ziel: Das Wort „Hier“ soll im Gehirn des Hundes einen Reflex auslösen: „Hier = Superleckerli“.
Stufe 2: Das Ping-Pong-Spiel
Das macht riesigen Spaß und baut Tempo auf. Du brauchst eine zweite Person.
- Du und dein Partner steht im Garten oder Flur ca. 5-10 Meter auseinander. Jeder hat Leckerlis.
- Partner A hält den Hund kurz fest.
- Du rufst: „HIER!“ (und klatschst vielleicht in die Hände oder rennst ein Stück weg).
- Partner A lässt los.
- Der Hund schießt zu dir -> Belohnung.
- Jetzt hältst du den Hund fest, Partner A ruft.
- Effekt: Der Hund lernt, dass Rennen zu dir Spaß und Action bedeutet.
Stufe 3: Draußen üben (Die Absicherung)
Jetzt gehen wir nach draußen. WICHTIG: Solange der Rückruf nicht zu 100% sitzt, bleibt der Hund an der Schleppleine (5-10 Meter lange Leine). Warum? Wenn du rufst und er kommt nicht (weil er einen Vogel sieht), hat er gelernt: „Ich muss nicht hören“. Mit der Schleppleine verhinderst du diesen Lernerfolg. Du hast immer Zugriff.
- Hund schnüffelt entspannt an der langen Leine.
- Du rufst „HIER!“.
- Er dreht sich um und kommt? -> Jackpot! (Ganze Hand voll Futter, Spielzeug werfen, loben als hättest du im Lotto gewonnen).
- Er kommt nicht? -> Zupfe sanft (!) an der Leine, um seine Aufmerksamkeit zu bekommen, und laufe rückwärts von ihm weg. Lade ihn ein.
Die 5 Todsünden beim Rückruf
Wenn du diese Fehler vermeidest, bist du besser als 90% aller Hundehalter auf der Hundewiese.
1. Rufen, um zu bestrafen
Der Klassiker: Der Hund hat Mist gebaut, du rufst ihn zu dir und schimpfst dann. Was der Hund lernt: „Wenn ich zu ihm hingehe, gibt es Ärger. Ich bleibe lieber weg.“ Regel: Wer kommt, wird gelobt. IMMER. Egal, was er vorher getan hat (auch wenn er 10 Minuten weg war!). Er wird für das Kommen gelobt, nicht für das Weglaufen.
2. Das Wort wiederholen („Hier! Hier! Hiiiieeer! Komm jetzt!“)
Wenn du das Kommando fünfmal sagst, lernt der Hund, dass er erst beim fünften Mal hören muss. Regel: Rufe einmal. Wenn er nicht reagiert, musst du ihn abholen (an der Schleppleine) oder seine Aufmerksamkeit anders kriegen. Aber stehe nicht da und rufe sinnlos.
3. Den Hund anlügen
Du rufst, der Hund kommt, du leinst ihn an und gehst sofort nach Hause. Was der Hund lernt: „Hier heißt: Der Spaß ist vorbei.“ Tipp: Rufe ihn oft einfach so heran, gib ihm ein Leckerli und schicke ihn mit „Lauf“ wieder spielen. Das Anleinen darf nicht die einzige Konsequenz sein.
4. Ohne Grund rufen
Rufe deinen Hund nicht ständig, nur um zu schauen, ob er noch da ist. Du wirst zum Hintergrundgeräusch. Nutze den Rückruf nur, wenn du ihn wirklich brauchst oder trainieren willst.
5. Zu schwere Situationen
Rufe den untrainierten Junghund nicht ab, wenn er gerade mit seinem besten Kumpel spielt. Er kann das noch gar nicht leisten. Du programmierst das Scheitern vor. Hol ihn in solchen Momenten lieber kommentarlos ab.
Der Notfall-Plan: Was tun, wenn er wirklich wegrennt?
Trotz allem Training: Der Hund startet durch zum Reh. Er hört nichts mehr.
- Nicht hinterherrennen! Du bist langsamer. Und für den Hund wirkt das wie ein Fangspiel („Juhu, wir jagen gemeinsam das Reh!“).
- Die Richtung wechseln: Schreie laut „Tschüss!“ und renne in die entgegengesetzte Richtung davon. Mach dich interessant.
- Verstecken: Wenn es die Umgebung zulässt, versteck dich hinter einem Baum. Die plötzliche Einsamkeit („Wo ist Herrchen?“) ist oft heilsam.
- Der Super-Anker: Mache ein Geräusch, das er nicht kennt (lautes Quietschen, Klatschen), um ihn aus dem „Tunnel“ zu holen.
Fazit: Vertrauen ist die Basis
Ein perfekter Rückruf entsteht nicht in zwei Wochen. Es ist ein Prozess. Nutze die Schleppleine als Hilfsmittel, bis das Kommando sitzt. Sei fair, sei fröhlich und mach dich zur spannendsten Person auf der Wiese.
Wenn dein Hund lernt, dass es sich immer lohnt, zu dir umzudrehen, hast du gewonnen.
